Viele wissen nicht was sie Gutes an sich haben
In der Südhessen Woche haben wir einen interessanten Artikel über die Mode-Fachfrau Alewtina Leschke gefunden, die in Griesheim bei Darmstadt Models ausbildet, über die Etikette der Frauen spricht und die Manieren vieler junger Menschen kritisiert.
Die Schultern zurück, das Becken leicht nach vorne geschoben, einen Fuß vor den andere setzend lauf ich auf einer imaginären Linie zu meinem Auto. Der Rebstock, eine kleine Sackgasse in Giesheim, wir zu meinem Laufsteg, Eben hat Alewtina Leschke mich kurz in die Haltung und den Gang von Models eingewiesen, „ohne zuviel zu verraten, damit nicht alles in der Zeitung steht (und jetzt auch im Internet) und niemand mehr in meine Schule kommen muss“. Doch diese Furcht ist unbegründet. Bis Frau oder Man(n) die geschmeidigen Bewegungen und den eleganten gang so selbstverständlich beherrscht, wie die Model-Fachfrau, müssen sie viele Wochen lang übern. Die gebürtige Russin bildet seit knapp 30 Jahren Models und Dressmen aus, seit zwei Jahren in Griesheim. Vorherige Stationen waren viele Jahre lang Reutlingen und kurzzeitig Obertshausen.
1976 kam Frau Leschke der Liebe wegen nach Deutschland. In ihrem Heimatland hatte sie zuvor ein Studium im Fachgebiet Textil-Mode-Design und anschließend in Innenarchitektur, Design und Kunst abgeschlossen. Innenarchitekt und Kunst spielen bis heute eine wichtige Rolle in ihrem Leben. Der in kühlem Weiß gehaltene, helle Wohnraum ist gleichzeitig Galerie; als freischaffende Kunstmalerin bereitet sie sich gerade auf eine Ausstellung vor. Ohne ein Wort Deutsch zu können, folgte die junge Frau vor 32 Jahren ihrem Mann nach Deutschland.
Schnell lernte sie die deutsche Sprache und einem Besuch einer Mannequinschule präsentierte sie rund zehn Jahre Mode. Lediglich nach der Geburt ihres Sohnes pausierte sie ein Jahr. 1987 wagte sie den Schritt in die Selbstständigkeit als Mode-Designerin und Leiterin einer Mannequin- und Dressmenschule. Aus Mannequins sind mittlerweile Models geworden. Alwetina hat ihre Schule deshalb auch umbenannt, spart aber nicht an Kritik an den jungen Mädchen, die heutzutage über die Laufstege mit Blick auf die beliebte Fernsehsendung „German’s Next-Topmodel“. Heidi Klum kann selbst nicht richtig laufen, urteilt sie über das deutsche Topmodel, das nicht wisse, wie man einen Mantel richtig ausziehe und eine Treppe rauf- und runtergehe. Empörend findet sie, dass in der Sendung die Mädchen mit Spinnen und Pythons laufen müssen. „Mütter sollten ihre Töchter da raus holen.“ Alewtina legt ihren Fokus auf das Gesamterscheinungsbild. Dazu gehören das sichere Auftreten, die richtige Kleidung und die entsprechenden Umgangsformen.
Als Tochter eines russischen Offiziers und einer Mutter aus adligem Haus hat sie eine strenge Erziehung genossen. „Die 68er Generation hat alles kaputt gemacht“, sagt sie und bedauert, dass es „heute keine Manieren mehr gibt und die Tischkultur verloren gegangen ist“. Sie ist entsetzt, dass viele junge Leute nicht mehr richtig mit Messer und Gabel essen können und flegelhaft am Tisch sitzen. Allerdings bahne sich langsam ein Wandel an. „Große Firmen wollen solche Schlampereien nicht, Chefs machen deshalb Termine für Vorstellungsgespräche immer öfter in Restaurant und schauen, wie sich die jungen Leute am Tisch verhalten“.
Alewtina Leschke beobachtet, das „viele Frauen nicht wissen, was sie Gutes an sich haben“. Statt sackartige Kleidungsstücke zu tragen und ihre Reize zu verstecken, sollten sie zum Beispiel ihre schönen Beine zeigen. „Graue Harre machen alt“, zählt sie weitere Nachlässigkeiten auf, die sie an ihren Gschlechtsgenossinen beobachtet und bedauert auch, dass viele Frauen sich nicht schminken.
Wie positiv ein Unterricht bei ihr sich auswirken kann, hat Christiane erfahren, die etwas für ihr Selbstbewusstsein tun wollte und durch Mundproganda auf Alewtina aufmerksam wurde. Ihre Haltung sei besser geworden, sie ziehe sich anders an und schminke sich. Im Büro nehme sie Kunden gegenüber eine andere Haltung ein, das gebe ihr mehr Sicherheit und sei auch schon positiv aufgefallen, berichtet sie.
Ein besseren Körpergefühl sucht auch Ulrike, die außerdem ihr Gangbild verbessern möchte und gerade einen Kurs macht. Modeln ist nicht ihr Ziel, im Gegensatz zu Sigrid und Svenja, die immer wieder auf dem Laufsteg stehen. Die 22-jährige Svenja holte sich in Griesheim den ersten schliff, bevor sie bei eine Modelagentur einen zweiten Kurs belegte, der jedoch nur im Schnelldurchgang das zuvor Gelernte rekapitulierte.
Für Sigrid begann mit fünfzig Jahren einer neuer Lebensabschnitt, als sie sich einem Kurs anmeldete. „Nach dem Tod meiner Eltern wollte ich endlich das tun, was ich schon immer machen wollte“. Stolz erzählt sie, dass sie im Sommer sogar eine Mademodenschau hatte. In ihrem Alter und mit Kleidergröße 44/46 eine kleine Mutprobe, die sie mit Bravour bestand und für die sie mit einem Engagement fürs nächste Jahr belohnt wurde. Begeistert berichtet sie von ihren Erfahrungen und der Routine, die sich bei ihrer Modeltätigkeit mittlerweile schon an den Tag legt.
Durchschnittfrauen haben weder Kleidergröße 36/38, noch sind sie 1.80 Meter oder größer, weiß Alwetina, deshalb seien ältere und nicht mehr ganz so schlanke Frauen für Modenschauen auch gefragt. Drei Monate dauert ein Kurs, pro Woche gibt es zwei Stunden Unterricht und zu Hause muss eifrig geübt werden. Denn nicht nur Laufen steht im Stundenplan, sondern auch Unterricht im Schminken, in Umgangsformen und Tischkultur sowie in Fotoshooting.
Die Teilnehmer lernen Accessoires wie Handschuhe und Hüte richtig zu handhaben und proben Modenschauen mit schnellem An- und Ausziehen sowie Laufen zu schneller und langsamer Musik. Maximal vier bis fünf Frauen oder Männer unterrichtet Alewtina gleichzeitig und erwartet ihren vollen Einsatz. „Man muss bereit sein, Kritik zu ertragen, sonst braucht man gar nicht zu kommen“, betont Ulrike, die es nach Meinung ihrer Lehrerin in jedem Fall auch einmal auf dem Laufsteg versuchen sollte
Die Modelschule bzw. Schule für Ästhetik und Etikette von Alewtina Leschke ist in Griesheim bei Darmstadt im Rebstockweg 7 zu finden (leider noch keine Webseite).
Quelle: Südhessen Woche von Angelika Heyl


